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Wie im echten Leben

Die Oma war gar nicht da. Es sah nur so aus. Als Cisco kürzlich ihre Zentrale in San José und andere weltweite Niederlassungen am Wochenende für Verwandte der Angestellten öffnete, sprangen einige Kinder einfach über den Konferenztisch.

Sie wollten ihre Großmutter umarmen und konnten nicht glauben, das sie nicht auf der anderen Seite des runden Tisches saß, sondern Tausende Kilometer entfernt war. Die gegenüberliegende Tischseite bestand lediglich aus drei 65 Zoll großen HD-Bildschirmen des im vergangenen Herbst auf den Markt gebrachten Videokonferenzsystems Cisco TelePresence 3000. Die Stimme kam in CD-Qualität aus den versteckten Hifi-Lautsprechern. „Viele Teilnehmer vergessen mit der Zeit, dass sie gar nicht im selben Raum sitzen“, erklärt Ernst Engelmann, Business Development Manager für Videotechnologie bei Cisco. „Deshalb kam es auch schon vor, dass jemand sein Gegenüber auf dem Bildschirm um seinen Flaschenöffner gebeten hat.“

Weil das System aber stolze 299.000 Dollar in der großen Ausführung kostet, und 79.000 Dollar in der kleinen, wird es in Deutschland bisher vor allem von Großunternehmen wie SAP eingesetzt. Die Media-Saturn-Gruppe nutzt es für ihre Expansion in Europa, wo sie bereits in 14 Ländern präsent ist. Die Firmenzentrale in Ingolstadt und die Niederlassungen in München, Paris und Moskau wurden bereits damit ausgestattet. „Mit dieser neuen Konferenzlösung können wir Besprechungen mit den Management-Teams der einzelnen Länder durchführen, die sich kaum noch von einem persönlichen Treffen unterscheiden“, erklärt Roland Weise, CEO der Media-Saturn-Gruppe. „Dadurch können wir in erheblichem Umfang Reisekosten und Reisezeit sparen.“

Globalisierung, Kostensenkungen und beschleunigte Geschäftsprozesse haben zu einem Boom der Videokonferenzen geführt. Untersuchungen des Marktforschungsunternehmens Wainhouse Research zeigen, dass bereits 63,5 Prozent der befragten europäischen Unternehmen mindestens einmal pro Woche eine Konferenz abhalten. Der Europa-Markt für Audio, Video- und Webkonferenzen wächst jährlich um sieben Prozent und soll sich von 724 Millionen Dollar im Jahr 2006 auf eine Milliarde Dollar im Jahr 2011 vergrößern. Das freut vor allem die Hersteller von Videokonfenz-Hardware, wie Tandberg, Aethra, Polycom, Sony, LifeSize oder VTEL, deren Verkäufe im 2. Quartal 2007 wieder um 34 Prozent gegenüber dem Vorjahr stiegen.

Große und mittelständische Unternehmen haben immer mehr internationale Standorte. Das ist gut für die Firmenstrategie, aber schlecht für die Reisebudgets und das Privatleben der vielfliegenden Mitarbeiter. Zusätzlich sinkt die Produktivität durch reisebedingte Ausfallzeiten. Wer statt dessen auf Videokonferenzen setzt, entlastet die Ausgabenseite, beschleunigt Kommunikation und Geschäftsprozesse und er tut etwas Gutes für Umwelt. „Der Engpass war bislang die Übertragungstechnologie und die damit verbundenen Kosten“, erklärt Philipp Bohn, Analyst bei Berlecon Research. „Videokonferenzen konnten sich zehn Jahren nur große Unternehmen leisten, da mehrere ISDN-Leitungen gebündelt werden mussten und auch die Ausrüstungskomponenten wie Kameras viel teurer waren.“ Durch kostengünstigere IP-Netze mit hohen Kapazitäten für die Datenübertragung und einem drastischen Preisverfall bei den Geräten könnten sich jetzt auch kleinere Unternehmen und selbst Freiberufler, die zu Hause arbeiten, Videokonferenzen leisten. Die Unternehmensberatung Deloitte geht davon aus, dass schon im kommenden Jahr 41 Millionen Menschen weltweit mindestens einen Tag pro Woche als Telearbeiter zu Hause tätig sind und 100 Millionen mindestens einmal im Monat.

„Der Return on Investment liegt bei ein bis drei Jahren“, rechnet Gundolf Waletzeck, Produktmanager für Videokonferenzlösungen beim Kommunikationsdientleister Avaya, vor. „Wer sich also heute eine Videokonferenzlösung installiert, hat den Anschaffungspreis in ein bis drei Jahren durch eingesparte Dienstreisen wieder reingeholt.“  Je nach Ausstattung unterscheidet man Raumsysteme, Settop-Boxen und Tischgeräte für Videokonferenzen. Raumsysteme sind modular aufgebaute Kommunikationslösungen, die über einen oder mehrere Monitore ihre Bilder zwischen verschiedenen Standorten übertragen. Durch ihre variable Ausstattung lassen sich die Geräte  für alle denkbaren Videokonferenzbedürfnisse konfigurieren. Der Preis liegt zwischen 25.000 und 40.000 Euro. Settop-Boxen sind dagegen voll integrierte Videokonferenzsysteme. Sie haben sämtliche Hard- und Software-Komponenten sowie die Kamera in einem Kompaktgerät zusammengefasst, das einfach auf einen Fernseher gestellt wird. Für Settop-Boxen werden ca. 8.000 bis 15.000 Euro fällig. Oft reichen auch Tischgeräte für 2.000 bis 5.000 Euro, die Kamera, Lautsprecher, Mikrofon und Display in einem gemeinsamen Gehäuse untergebracht haben.

Viel wichtiger ist das richtige Übertragungsmedium. „Im deutschen Mittelstand setzen erst fünf Prozent der Unternehmen, die es eigentlich nötig hätten, Videokonferenzen ein“, sagt Hans-Jürgen Jobst, Senior Manager Converged Communications bei Avaya. „Das liegt daran, dass Videokonferenzen bisher meistens über ISDN abgehalten wurden, was als sehr teuer galt.“ Um die Mindestübertragungsrate von 384 Kilobit pro Sekunde zu erreichen, bei der eine Bildqualität wie beim analogen Fernsehen erzielt wird, müssen gleichzeitig sechs ISDN-Verbindungen aufgebaut werden. Das entspricht sechs gleichzeitigen Telefonaten, die alle einzeln bezahlt werden müssen. Für hochauflösende Videokonferenzen braucht man sogar bis zu 16 Megabyte pro Sekunde. Doch dafür werden keine 256 Telefonverbindungen aufgebaut, sondern die Konferenzen werden ausschließlich über breitbandige Datenverbindungen zwischen den einzelnen Niederlassungen eines Unternehmens abgehalten, welche die Firmen bei der deutschen Telekom mieten können oder bei ausländischen Anbietern auf dem deutschen Markt, wie British Telecom, Verizon, AT&T oder Orange. Satellitenverbindungen sind wegen der langen Laufzeiten der Bilddaten kaum geeignet und auch das Internet hat seine Tücken als Übertragungsmedium, weil es keine Servicequalität garantieren kann.

Damit die Geräte so flexibel wie möglich einsetzbar sind, sollten sie sich an die internationalen Übertragungsstandards halten, welche die International Telecommunications Union (ITU) schon vor einigen Jahren festgelegt hat. „Dadurch ist es möglich, dass ein Gerät von Polycom mit einem Videokonferenzsystem von Tandberg kommunizieren kann“, erklärt Vito Caime, Produktmanager bei MVC, einem der größten Systemhäuser für Videokonferenzsysteme. „Nur Cisco ist eine eigene Liga.“ Seine lebensnahe TelePresence ist eine proprietäre Highend-Lösung, die nur mit anderen Systemen der gleichen Baureihe kommunizieren kann. Der Konzern, der bisher nur als Lieferant von Netzwerktechnik bekannt war, kann sich das wohl leisten. Ähnlich wie Microsoft pfeift Cisco auf Standards, vermutlich weil sie gute Verbindungen zur Vorstandsebene der Großunternehmen haben, wo fast 300.000 Dollar Anschaffungskosten kein großes Problem darstellen.

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