Neue Arbeitsformen: Verführerisch, rasant und riskant

Cloud Computing, Crowdsourcing, Talent Cloud - neue verführerische Trends mischen die IT-Branche ordentlich auf. Doch diese neuen Techniken bieten nicht nur Chancen. Die IG Metall will u.a. verhindern, dass die neuen Trends zu einem Modell für prekäres Arbeiten werden.

Eric ist 28 Jahre alt und lebt in Finnland. Als Software-Ingenieur entwickelt er Programme für Firmen in aller Welt zum Schwerpunkt Datenkommunikation. Was er bisher gemacht hat, was er kann, für welche Unternehmen er bisher tätig war und ob diese mit seinen Ergebnissen zufrieden waren, das erfährt man bei "Talent Cloud".

Trotz seiner wenigen Berufsjahre war er schon für Firmen in der ganzen Welt tätig - von Lahti aus, einer kleinen Stadt in Südfinnland. Er ist der Mann für gewisse Projekte. Einen festen Arbeitsvertrag - den kennt er nicht, ebenso wenig die Fortzahlung der Bezüge bei Krankheit oder Urlaub. Nur Zukunftsmusik? Nein. Einige Firmen basteln schon sehr konkret an diesem Modell einer virtuellen Arbeitswelt.

Stress bei den Stammbeschäftigten
Einer dieser Firmen ist der Software-Konzern IBM. Er will die Belegschaft grundlegend umstrukturieren. Nur noch eine Kernmannschaft von festen Mitarbeitern dirigiert ein Heer von freien Mitarbeitern, die auf einer Fachkräfte-Community à la Ebay ihre Arbeitskraft anpreisen. Damit das funktionieren kann, arbeitet IBM an einem Zertifizierungsmodell.

Noch ist das alles Zukunftsmusik. Was der Computerkonzern allerdings bereits im Einsatz hat, ist Crowdsourcing. Was das ist? Dabei werden große Projekte in kleine Arbeitspakete aufgeteilt und auf einer Internetplattform ausgeschrieben. Zur Bearbeitung können sich freie Mitarbeiter ebenso wie fest angestellte Beschäftigte bewerben.  

Was sich simpel anhört, funktioniert in der Praxis jedoch noch nicht wirklich. Denn die Stammbeschäftigten müssen die Arbeitspakete sehr detailliert beschreiben und die Arbeitsergebnisse müssen termingerecht eintreffen. Das führt bisher vor allem zu mehr Stress. Zudem hat dies Kürzungen im Budget zur Folge. Klar ist, dass dieser Trend den Arbeitsmarkt für IT-Beschäftigte teils radikal verändern wird.

Die IG Metall will diesen Prozess mitgestalten und hat deshalb in einem ersten Schritt ein Forschungsprojekt mit dem Fachbereich Wirtschaftsinformatik an der Universität Kassel angestoßen, um die Auswirkungen von Crowd Sourcing auf Prozesse in den Unternehmen sowie auf die Arbeitsgestaltung und den Status der Arbeitskraft genau zu untersuchen.  Auf Grundlage dieser Ergebnisse sollen Gestaltungsgrundsätze für kollaborative Plattformen entwickelt werden.

Abbau von Stammarbeitsplätzen verhindern
"Es gibt für IT-Experten, normale Internetnutzer und Unternehmen viele gute Gründe, sich an Crowdaktivitäten zu beteiligen", so Christiane Benner, geschäftsführendes Vorstandsmitglied der IG Metall. "Damit das so bleibt, müssen Gewerkschaften gemeinsam mit der Crowd sinnvolle und faire Spielregeln entwickeln und durchsetzen".

Denn der Grat zwischen "digitaler Boheme" und digitaler Akkordarbeit ist denkbar schmal. "Für Freelancer geht es um Themen wie angemessene Stundenentgelte, Gewährleistung, Verwertungsrechte ecetera. Bei Fällen wie IBM geht es darum, Outsourcing und den Abbau von festen Arbeitsplätzen im großen Stil zu verhindern."

Die neuen Arbeitsformen stellen die Beschäftigten, die Betriebsräte und die IG Metall vor neue Herausforderungen. Klar ist, dass auch in Zukunft viele Tätigkeiten zunehmend globalisiert und beschleunigt werden. Die IG Metall will diesen Wandel mitgestalten.

Sie fordert feste Arbeitsverhältnisse, betriebliche Arbeitsplätze und ein Netzwerk von sozialen Kontakten, das nicht nur virtuell, sondern mit "echten" Kolleginnen und Kollegen funktioniert. Von einem globalen und ungeregelten Crowdsourcing würden alleine die Unternehmen profitieren. Sie könnten kostengünstig die Risiken abwälzen.

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